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Einzelbeitrag
Seit 09.03.2010 in der Kategorie Erzählung
Zeit ist Job - oder auch nicht mehr [die BB-Red.]
Wochenabschluss
Sie stand auf und ging zur Tür. Nach Wochen mangelnder Antriebslust, Ausreden und beinahe professionell anmutender Verdrängung, war heute Schluss – sie hatte ein Ziel. Im Flur begegnete sie dem sonst nervenaufreibenden Freitagnachmittagsverkehr der Getriebenen mit Gleichmut – sie beschleunigte kurz und reihte sich zwischen einen wild gestikulierenden Herrn in verschwitztem Hemd und einer hinter ihr mit 90 Absatzklicks pro Minute tippelnden Dame ein.
Auf das anschliessende Drängeln und die missglückten Überholversuche der frustrierten Enddreissigerin hinter ihr reagierte sie gar nicht – sie hatte ein Ziel. Zudem machte ihr in diesem Gebäude so schnell niemand etwas vor: Sie kannte die Abkürzungen durchs Archiv, den unbenutzten Kopierer im ebenfalls meist unbenutzten Sitzungszimmer K, den Automaten mit der koffeinhaltigsten Brühe – Kaffee konnte man diese nicht nennen -, und das Geheimnis hinter der gut besuchten Herrentoilette im vierten Stockwerk, welche sie liebevoll “Schnupförtchen” zu nennen pflegte. Ihr Ziel vor Augen überholte sie eine orientierungslose Gruppe Praktikanten, schlüpfte behende in den sich schliessenden Aufzug, ignorierte das daraufhin genervte Ausatmen der ungeduldigen Meute und schoss als erste wieder hinaus, als sich die Türen nach kurzer Fahrt wieder geöffnet hatten. Sie entwickelte langsam einen gewissen Stolz während sie wieder Geschwindigkeit aufnahm und mit einer Drehung um die eigene Achse elegant einen Zusammenstoss mit von rechts herbei trampelnden Anzügen verhinderte – sie hatte es immer noch drauf, und sie hatte ein Ziel.
Energiegeladen bog sie nach links ab und betrat das Vorzimmer, wo sie sogleich alle Blicke auf sich zog. Sie richtete ihre Frage an den äusserst gut aussehenden Chefsekretär, worauf dieser antwortete: “Es tut mir Leid, er hat das Büro vor 15 Minuten verlassen und ist erst wieder am Montag zurück.” Ihr Freitagsziel war verschwunden – ihre Energie verpufft. Niedergeschlagen schritt sie langsam zum Aufzug zurück. Erst der Schmerz, den der Postjunge beim Überfahren ihres rechten grossen Zehens verursachte, liess sie den ersten klaren Gedanken fassen. Sie hätte heute genügend Gelegenheiten gehabt, diese 15 Minuten aufzuholen: Die Freitagspost hätte sie auch erst am Montag lesen können, das Telefonat zwischen den beiden Kaffeepausen am Vormittag war überflüssig gewesen und das Gespräch mit der Projektleiterin zwischen Mittagsshopping und Mittagsschlaf hatte zu lange gedauert. “Ob ich am Montag überhaupt Lust dazu haben werde? Zu Wochenbeginn?”, fragte sie sich. “Ach was soll’s, dann entlasse ich ihn eben am Montag.”
Jean-Paul Robin
Gebloggt am 05.03.2010 in Le 08/16
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