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Seit 11.09.2009 in der Kategorie Reflexion

Sich selbst anzunehmen, in Imperfektion, Mangel, Schmerz bildet zugleich Grundlage für tiefste Erfüllung. [Josephine Herzgeist]

Aha!, das Glück und der Freie Fall

Hast du dich selbst schon mal in einer inneren Pattsituation beobachtet? Dabei, wie du erstarrst, wie eingefroren bist? In einem inneren Niemandsland? Weder hier, noch irgendwo? Und hast du bemerkt, wie du auf diesen Zustand reagierst? Manchen, den Aktivisten, ist er denkbar kurz und geht einer Phase wilder Aktionen voraus. Andere, die Passiven, hängen schon mal länger darin herum.

Die Reaktionsmuster sind unterschiedlich: Der Passive möchte entfliehen, der Aktive bewältigen. Der Passive vermeidet, sich der Pattsituation zu stellen, der Aktive marschiert vielleicht darauf zu, um sie klein zu kriegen oder rackert sich ab, mit irgendetwas Unverfänglichem.

Doch was steckt dahinter? Hinter diesem Gefühl, festgenagelt zu sein? Sich unfähig zu fühlen, zu reagieren – und das dann wieder überkompensieren (oder auch komplett vergessen) zu wollen?

Ein Verlust des Ich. Ein Empfinden, sich auf sich selbst nicht verlassen zu können. Und daher das Gefühl einer übermächtigen, äußeren Bedrohung, auf die man reagieren muss, sonst ist man tot.

Ein Verlust des gesunden Ich-Empfindens äußert sich für mich entweder im Egoisten (seien es die selbstmitleidigen Jammerer oder die neidischen Ätzer – beide Reaktionen hängen zusammen) oder beim Menschen mit Helfersyndrom. Beide Menschengruppen sind aufeinander angewiesen, brauchen einander, damit ihre Lebensstrategien funktionieren können. Verstricken sich in einen Tanz von „Gibst du mir, gebe ich dir“. Von Mangel und nicht Fülle. Und beide streichen eine wertvolle Komponente aus ihrem Welterleben und ihrer Wahrnehmung: sich selbst.

Wie komme ich dazu, mir diese Gedanken zu machen? Weil ich mir selbst auf der Spur bin und indem ich mich suche, finde ich außer mir auch die anderen. Ich erkenne die Muster und verfolge sie zu dem Punkt, an dem sie geknüpft wurden.

Und erkenne: Egal, was und wie wir es tun, wir tun es aus den gleichen Gründen:

Es fällt uns schwer, die Realität so anzunehmen, wie sie ist. Wir versuchen stattdessen, sie anzupassen. Und uns selbst anzupassen. Ständig bemüht, etwas zu verändern oder zu ignorieren. Und das tut uns furchtbar Leid. Jawohl.

Sich selbst anzunehmen, in Imperfektion, Mangel, Schmerz bildet zugleich Grundlage für tiefste Erfüllung. Das, was uns in der einen Sache unvollkommen scheint, begünstigt andererseits anderswo ein Talent. Wir können nicht alles können und in allem toll sein. Wir können uns nur spezialisieren. Aber mal ehrlich: Ist nicht dieser Wunsch nach Perfektion in allem es, den wir manchmal mit der Idee der Erleuchtung (also des „Erfolges“) verwechseln? Ja, das ist eine verbreitete, westliche Sicht: Perfektion in allem macht erst glücklich. Ergo: Perfektion bedeutet Glück. Ein unerreichbares Glück.

Wenn ich mich innerlich gelähmt fühle, dann ganz klar aus diesem Grund: Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Ich weiß die „richtige“ Antwort, den „richtigen“ Umgang mit einer Situation nicht. Und das bereitet mir höllisch Angst. Und, bevor ich etwas „Falsches“ tue, mich als „nicht perfekt“ oute, tue ich lieber gar nichts! Dieser Zustand ist per se eine Pattsituation im Geiste.

Er kann lange dauern, er kann kurz sein. Aber Fakt ist, wenn ich mich in der Pattsituation ertappe, mich bei meinem Nicht-Wissen und Keine-Ahnung-Haben beobachte, reagiere ich routinemäßig nicht mitfühlend, sondern der Schreck, derart unfähig zu sein, treibt mich dann tiefer ins Verdrängen oder ins Tun von irgendetwas, um mir selbst zu beweisen, dass ich eben DOCH etwas tun kann!

Sich in einer inneren Pattsituation sich genau dieser mit Haut und Haaren ausliefern – Wer von Euch hat den Mut dazu? Weil er gütig ist, sich vertraut und im absoluten Freien Fall sich eines baldigen „Aha!“ sicher ist?

Ich konnte das früher niemals. Heute gelingt es mir, ab und zu, mich in dieser gefährlichen Situation mir selbst zu öffnen und zu verstehen: Ich fühle mich unfähig. Ich habe Angst. Aber das bin dennoch ich. Ich bin noch da. Nicht verschwunden. Und nicht, wie es mir scheinen will, nur das bedrohliche Außen ist da. Oder diese äußere Bedrohung ist gar fähig, mich auszulöschen! Nein, ich bin noch da! Und ich kann mit mir rechnen! Mit einer angemessenen Idee, was ich tun kann, wenn es soweit ist. Denn ich bin da und das bedeutet: Es geht weiter! Doch es dauert manchmal und bedarf des inneren Lauschens, um eine Idee zu haben, die sich harmonisch anfühlt. Und auch die Phase des Wartens ist kein zu ignorierender Fremdkörper, sondern ebenfalls ich. Ein gesundes Ich-Empfinden bringt sich irgendwann wieder selbst in Harmonie. Selbst in den absurdesten und schwierigsten Situationen ist da eine Spur von innerer Verlässlichkeit. Von Ich bin Herzgeist.

Herzgeist ist flexibel. Herzgeist, dein inneres Wesen, dein Ich geht nicht verloren, wenn Äußerlichkeiten sich ändern. Wenn du Besitz, Status, Gesundheit verlierst. Es ist da. Und es macht dir darüber hinaus noch ein riesiges Geschenk damit: Dein eigen Herz kann dir zeigen, wie du in allen Situationen dich selbst nicht verlierst und zurecht kommst. Was nicht gleichbedeutend ist, mit schmerzfrei sein! Aber dein Herz zeigt dir: Schmerz bringt dich nicht um. Im Gegenteil. Er bringt dir Einsichten. Und Weisheit. Und das wiederum das Glück. Und die Möglichkeit, weiter zu machen.

Seitdem ich bemüht bin, mich ernst zu nehmen, gestehe ich mir selbst eine eigene Stimme, eine eigene Position, eine Meinung zu. Ich erobere mir damit nicht weniger als mein Leben zurück, dass ich früher zu oft preisgab, aus Angst vor meiner Unvollkommenheit. Das ständige Mäkeln von außen (denn mit Lob wurde gespart, nicht jedoch mit Tadel) machte mir weiß, ich sei ungenügend. Und ungenügend bedeutet, nicht lebensfähig. Und nicht lebensfähig, bedeutet, ausschließlich auf andere angewiesen zu sein. Und nicht unterscheiden können, was richtig und falsch, oder besser, was gerade machbar und nicht machbar ist. Und daher hatten andere Menschen (und haben manchmal noch) ein leichtes Spiel mit mir. Und ich war nicht da. Ich war nicht am Leben, sondern dauereingefroren, obwohl da etwas atmete, sprach, aß, sich schlafen legte, wieder aufstand und irgendetwas tat. Irgendetwas, was andere für mich für richtig hielten. Ich war nicht am Leben!

Nun, seitdem ich mich also ernst nehme, meine eigene Stimme höre, da weiß ich plötzlich, ganz aus mir selbst, dass das Streben nach Perfektion mein Tod war. Dass es eigentlich egal ist, WAS ich tue. Dass alles, auch die sogenannten Fehler, mich zum Wachsen führen werden, wenn ich nur wach genug, achtsam genug bin. Ich fühle mich bereit, mich ins Spiel zu bringen. Und das Lippenlesen zu lassen. Und das Zuhören bei anderen, die ich für weiser als mich halte, nunmehr durch ein Mir Selbst Zuhören zu ergänzen. Abzugleichen. Austesten. Alles dies bedeutet, am Leben zu sein!

Daher sage ich mir: Nimm dich selbst ernst! Und spiele, mit deiner Unvollkommenheit. Und denke nicht immer an dieses große Ding, das große Ziel, die Erleuchtung, sondern freue dich am „Aha!“, was natürlich aus dem täglichen freien Fall entsteht. Ganz aus dir selbst.

Denn du bist verlässlich. Du bist eine Größe. In der Welt.

Josephine Herzgeist

Gebloggt am 07.09.2009 in Herzgeist

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