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Einzelbeitrag
Seit 06.07.2010 in der Kategorie Erzählung
Der erste Teil von Frau Freihändigs Weltkusstag-Trilogie [die BB-Red.]
Gibt's den Weltkusstag auch als Computerspiel?
Dem Menschen, der den Welttag des Kusses erfunden hat, ist es zu verdanken, dass ich heute zu meinem gestrigen Plan zurückkehrte und mich doch noch auf den Weg machte, um in der Zentral- und Landesbibliothek uralte Spiegel-Artikel zu kopieren.
Als ich nämlich am Nachmittag zufällig erfuhr, dass heute dieser wichtige Tag begangen wird, änderte ich spontan meinen morgens gefassten Entschluss, den ganzen Tag zuhause zu bleiben und mich zu erholen. Denn falls mein Schicksal mit dem Gedanken spielte, mich den heutigen Weltkusstag angemessen begehen zu lassen, dann sollte ich meinem Schicksal vielleicht eine Chance geben, dachte ich. Und die Wahrscheinlichkeit, einem küssbaren Menschen zu begegnen ist bei mir zuhause derzeit gleich Null, während sie überall anders und damit selbst in der Bibliothek immerhin ein kleines bisschen größer ist als Null. Außerdem ist die Kopieraktion nämlich eigentlich ziemlich (dreimal -lich, nicht schön, aber wenn's doch so ist!) dringend - also zurück zu Plan A.
Die uralten Spiegel-Bände stehen in der wunderbarsten Bibliothek aller Bibliotheken, die von mir zuhause in sieben Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen ist, und noch dazu kann man die Bände vom Spiegel-Erstling an einfach selbst aus dem Regal nehmen und kopieren. Im Vergleich zum zeitraubenden Bestellen aus dem Magazin und der umständlichen Mikroficherei ein Umstand, der mich schon manches Mal in Verzückung versetzte. Weniger entzückend ist jedoch der Kopierraum im Keller, wo meist sehr reger Betrieb herrscht, vor allem kurz vor Ladenschluss. Aber wer weiß, vielleicht würde sich in dem Gedränge heute ja ein Exemplar finden, dass sich dafür eignet, diesen besonderen Tag seinem Motto gemäß würdig zu begehen. Um einem solchen Zufall angemessen begegnen zu können, tauschte ich meinen Schlabberpulli gegen ein schwarzes T-Shirt mit Ausschnitt, darüber mein orange farbenes Jäckchen im Piloten-Look, und dazu statt der ausgebeulten Hochwasserhose die knallengen Jeans, die mir E. neulich geschenkt hatte und die lang genug sind für die spitzen Lederstiefel mit Absatz. Rein körperlich gesehen fühle ich mich in knallengen Hosen eigentlich nicht wohl, aber psychisch schon, und darauf kam's ja jetzt an. Außerdem meinen alle, dass mir diese Jeans ausgesprochen gut stünden.
Derart gewappnet ging ich meinem Schicksal entgegen, das sich schon bald von seiner unschlüssigen Seite zeigte. Mein Fahhradschloss klemmte wie nie zuvor und ließ sich erst nach einigen Minuten Fummelei und mit Gewalt öffnen. Das vergaß ich aber ganz schnell wieder, als ich in der Bibliothek vor dem Zeitschriften-Regal feststellte, dass die Artikel, die ich haben wollte, nicht aus den Bänden herausgerissen worden waren. Das kommt leider gelegentlich vor, und dann muss man eben doch noch lästige Mikroficherei betreiben. So aber stürmte ich mit meiner Beute die Treppe hinunter in den Kopierraum und versank beim Kopieren in die Zeit der späten 60er und frühen 70er, aus der die Spiegel-Bände stammten (gar nicht romantisch!).
Auf einmal piepste es links neben mir ganz aufdringlich und wollte gar nicht aufhören. Reflexartig tastete ich mit meiner linken Hand nach meinem Wecker. Bis ich zu mir kam und erkannte, dass ich gar nicht träumend im Bett lag, sondern vor einem Kopierer stand und kopierte, war auch schon der Kopierraumaufseher eingetroffen und machte als Piepmatz eine im Gerät neben mir offenbar vergessene Kopierkarte aus. Er nahm die Karte mit, setzte sich an sein Pult und ich meine Kopiermeditation fort. Eine angenehme männliche Stimme holte mich wieder in die Gegenwart zurück: "Haben Sie vielleicht gesehen, wer meine Kopierkarte da rausgenommen hat?", fragte mich der zu der sympathischen Stimme durchaus passende Enddreißiger, dem ich mit ja antwortete und ihn zur Aufsicht schickte. Als ich gerade dabei war, wieder in die 70er abzutauchen, tauchte mein Kopiernachbar wieder auf und sagte Danke. Es dauerte ein paar Sekunden bis ich vom Weg in die 70er wieder im 21. Jahrhundert ankam und Bitte sagte, und noch ein paar Sekunden, bis sich meine Irritation gelegt hatte und ich noch ein Lächeln hinzufügte sowie ein "Gern geschehen."
Und dann passierte es doch noch.
Freihändig
Gebloggt am 06.07.2005 in Freihändig*
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